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Ja, Lorna lässt sich helfen

Ehe ich mich versah, befand ich mich in einem unbekannten Zimmer. Die Klinik roch ätzend nach Desinfektionsmittel, Linoleumboden und Latexhandschuhen. Das Zimmer in dem ich mich gerade befand, wird von heute an mein Schlafzimmer sein. Ich mochte es nicht. Ein grosses Doppelfenster ermöglichte mir einen Ausblick über zahllose Bäume, Felder und Gebirgsketten. Es war das einzige, was mich gerade vor dem Wahnsinn bewahren konnte. Ich sass auf dem Fensterbrett ebenjenes Fensters und lehnte meine Stirn gegen die Scheibe. Ich war von einer Pflegerin hochgebracht worden, denn meine Eltern hatten sich bei der ersten Gelegenheit aus dem Staub gemacht. Ich seufzte bevor ich erschrocken nach Luft schnappte, da aus dem Nichts die Tür aufging. Ich drehte mich um und sah ein Mädchen, die ungefähr in meinem Alter war. Ich war vollkommen irritiert und musterte das Mädchen mit weit aufgerissenen Augen. Sie war zierlich gebaut, jedoch wahrscheinlich etwas grösser als ich, sie trug die gleichen Stoffhosen wie ich und auch denselben Sweater. Ihre rot-braunen Haare fielen ihr in leichten Wellen über die Schulter und reichten bis zu ihrer Taille. Die Augen der Fremden hatten die Farbe von Mocca. Sie hatte ein sanftes Lächeln auf den Lippen, was mich noch mehr verwirrte, da sie doch ganz offensichtlich ebenfalls in dieser verfluchten Klinik steckte.

„Ich wollte dich nicht erschrecken, tut mir leid“, sagte das Mädchen und holte mich zurück aus meiner Starre.

„W-Wie?“

Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte, weshalb ich nervös mit dem Saum meines Sweaters zu spielen. Ich stufte dessen gräulich beige Farbe nebenbei noch als hässlich ein.

„Wusstest du nicht, dass du in mein Zimmer kommst?“

Die Fremde sah mich an und zog eine Augenbraue hoch. Jetzt machte auch das zweite Bett in dem Zimmer Sinn, ebenso die Habseligkeiten, die ich erst jetzt bemerkte, des Mädchens.

„Jetzt wo du’s sagst, ist es eigentlich logisch, sorry“, murmelte ich verlegen. Sie lachte nur ein wenig und meinte: „Kein Problem, ich bin übrigens Parsley.“

Sie streckte ihre Hand aus und ich nahm nickend an.

„Lorna.“

„Schön dich kennenzulernen!“

Wir grinsten uns an und ich wusste wieder nicht genau, was ich nun tun sollte, waren wir jetzt Freunde? Du wirst nie Freunde haben, hörst du? Nie! Ich wusste es, ich wusste, dass mich die Stimme nie in Ruhe lassen würde.

„Bitte nicht“, wimmerte ich leise. Verdammt, Parsley war ja noch im Raum.

„Wie bitte?“

Sie sah mich an, doch war keine Wut oder Angst in ihrem Blick zu sehen, bloss Neugierde. Ich war hin und hergerissen, zwischen die Wahrheit sagen, lügen, gar nichts sagen oder aus dem Fenster springen. Ein Teil von mir fand letzteres die beste Option, jedoch waren wir nicht allzu hoch oben und falls ich den Sturz überleben würde, wären die Schmerzen mühsam und das musste ich nicht wirklich haben. Irgendwie wählte ich schlussendlich die Wahrheit.

„Naja, kommt eh nicht darauf an, wenn du’s weisst, also erzähl ich’s dir.“

Ich setzte mich auf mein Bett, welches einem Krankenhausbett übrigens schrecklich ähnlich sah und klopfte auf den Platz neben mir. Parsley hüpfte auf das Bett und sah mich aufmerksam an.

„Meine Gedanken sprechen mit mir, sie flüstern mir Dinge zu. Sie verletzen mich und treiben mich in den Wahnsinn. Ich bin verrückt.“

Während meinen Erzählungen sah ich stur auf den Boden, da ich ihren Blick voller Abscheu nicht ertragen würde. Doch Parsley tat etwas Unerwartetes. Ich spürte, wie sie sich bewegte und Sekunden später lag ihr Arm um meine Schultern und sie zog mich in eine sanfte Umarmung. Die entstandene Furcht fiel von mir und ich liess mich auf die Umarmung ein, das hätte ich schon längst gebraucht.

„Danke“, murmelte ich.

„Wofür denn?“

„Dass du mich nicht verabscheust“, sagte ich und blickte ihr erstmals wieder in die Augen. Ungläubig blickte sie zurück.

„Wieso sollte ich? Hier sind wir alle anders, hier sind wir alle etwas kaputt.“

Ein Klopfen unterbrach die angenehme Stille. Die Tür wurde aufgezogen und eine Pflegerin kam herein.

„Hallo ihr Beiden. Ich hab eure Medizin dabei“, sagte sie langsam, als würde sie mit Kleinkindern reden. Allein das brachte mich dazu, sie nicht zu mögen. Ich wusste, dass man hier Medikamenten wie Antidepressiva unterzogen wird und das gefiel mir nicht im geringsten. Parsley musste bemerkt haben, wie unwohl mir dabei ist. Sie lächelte gequält und ich verstand, dass es ihr wohl genauso ging. Wir nickten uns kurz zu und schluckten dann die Tablette mit einem Glas Wasser. Parsley musste dann los, da sie Therapiestunde hatte. Als ich alleine im Zimmer war und wieder auf dem Fensterbrett sass, dachte ich über Parsley’s Worte nach. Hier sind wir alle anders, hier sind wir alle etwas kaputt. Und welch eine Ironie war es denn, dass ich erst in eine Anstalt kommen musste, bevor mein Leben ganz langsam etwas besser zu werden schien.


Ich sass auf einem der Ledersessel, die um einen Tisch standen. Der Raum ähnelte einem Büro, doch der klinische Geruch war auch da stets vorhanden. Meine erste Therapiestunde hatte vor zehn Minuten angefangen, doch ich hatte bisher noch kaum was gesagt.

„Wie geht es dir Lorna?“, war die erste Frage, die mir gestellt wurde. Ich meinte, dass es mir gut geht, doch das war anscheinend nicht das, was der Therapeut hören wollte.

„Lorna, das kennst du doch schon, wenn du keinem sagst, wie es dir geht, dann kann dir keiner helfen.“ Ich blickte stur an dem Mann vorbei.

„So kommen wir heute nicht mehr weiter, komm morgen wieder und ruh dich aus.“

Ich stand auf und verliess den Raum so schnell wie möglich. Miss Carter, die Hauptpflegerin unserer Station, wartete schon vor der Tür und brachte mich in mein Zimmer. Sie bot mir an, mich in den Aufenthaltsraum zu bringen, wo ich mit anderen Bewohnern der Klinik Zeit verbringen könnte. Dankend lehnte ich ab und verbiss mir die Bemerkung, dass dies das absolut schlimmste wäre, was ich mir vorstellen könnte. Ich warf mich auf das Bett und kuschelte mich in die Decke.

„Schlechter Tag?“

Parsley’s Stimme drang durch die Decke zu mir hindurch. Ich gab ein gequältes Geräusch von mir und setzte mich auf. Parsley sass neben mir auf dem Bett. Ich überlegte kurz, bevor ich eine brennende Frage stellte: „Parsley, wieso bist du eigentlich hier? Ich meine, wenn ich fragen darf?“

Unsicher wartete ich eine Antwort ab. Es vergingen etwa dreissig Sekunden, bevor das andere Mädchen zu reden begann: „Bei mir fing alles mit leichten Minderwertigkeitsgefühlen an. Das alles steigerte sich enorm und vor circa zwei Jahren diagnostizierte man bei mir Anorexie. Zeitgleich haben diese psychischen Belastungen dazu geführt, dass ich damit begann, mich selbst zu verletzen. Vor sieben Monaten hatte ich meinen ersten Suizidversuch“, sie machte eine kurze Pause und atmete tief durch, „Und seither bin ich hier.“

Ich konnte nicht anders reagieren als sie in den Arm zu nehmen. Seit ich hier bin, kam sie mir so stark vor und aussergewöhnlich glücklich und doch trug sie so viel Leid mit sich herum. Ich nahm einen ihrer Arme und krempelte vorsichtig den Ärmel hoch. Dasselbe tat ich mit meinem, wo man ebenfalls Überreste von Schnitten erkennen konnte. Ich hielt meinen Arm neben ihren und blickte hinab. Parsley tat es mir nach.

„Wir können das schaffen, weisst du?“

Ich sah auf als Parsley sprach.

„Lass uns gemeinsam wieder glücklich werden.“

Sie nickte und wir beide lächelten, ein ehrliches Lächeln, das erste ehrliche seit einiger Zeit. 

 

„Hallo Lorna, wie geht es dir?“ Ich hätte schreien können, denn diese Frage nervte mich noch mehr als mein alter Mathelehrer. Um ehrlich zu sein, erinnerte mich Dr. Strauss auch etwas an meinen alten Mathelehrer.

„Gut“, meinte ich wie immer.

„Lorna, hör zu, so bringt das keinem von uns etwas.“ Langsam ärgerte mich der Doktor sichtlich.

„Entschuldigen Sie Doktor, aber was lässt sie davon ausgehen, dass ich lüge, wenn ich sage, dass es mir gut geht?“ Sprachlos sah mich der Mann an.

„Sehen Sie? Sie können darauf nicht antworten, weil die einzige Antwort darauf wäre, dass Sie mich für eine Verrückte halten, die gar keine Freude mehr empfinden kann!“

Es tat wirklich gut, meine Wut mal auszulassen. Dr. Strauss fing sich wieder und sprach: „Das empfindest du nur so, weil du gerade viel durchmachst, Lorna.“

„War ja klar, immer liegt es nur daran, dass ich so viel durchmache. Vielleicht geht es mir ja wirklich gut? Schon einmal daran gedacht?“

Wütend starrte ich auf den Therapeuten, der mir gegenüber sass.

„Darf ich denn den Grund erfahren, wieso es dir gut geht?“

Ich schüttelte den Kopf, da ich es selbst nicht wusste. Fakt war jedoch, dass ich die Stimme schon länger nicht mehr gehört habe und das war doch etwas Gutes. Die Zeit war glücklicherweise um und ich verschwand aus dem Raum. Im Zimmer wartete ich auf Parsley. Sie hatte verschiedene Behandlungen und musste öfters zur Therapie als ich. Die Zimmertür ging auf und ich hopste vom Bett.

„Na?“, grinste ich.

„Nein, nein und nochmals nein!“

Mit verschränkten Armen und wütendem Ausdruck stand ich vor Parsley.

„Bitte Lorna, du warst noch nie draussen und bist jetzt seit Wochen hier!“

Parsley war mit der „grandiosen“ Idee gekommen, ich solle doch mal raus in die Aufenthaltsräume mit ihr.

„Bitte, bitte, bitte, tu’s für mich!“, bettelte sie.

„Nein.“

„Aber warum denn nicht?“, quengelte sie weiter. Ich seufzte laut.

„Weil ich Angst davor habe“, sagte ich leise.

„Wieso hast du denn Angst?“

„Ich hab einfach Angst mit anderen zu reden, ich hab Angst mich jemandem zu nähern, weil ich dann wiederum Angst hab, dass ich zurückgewiesen werde. Ich verstehe selbst nicht, wie ich überhaupt in deiner Gegenwart so offen sein kann, jedoch klappt es. Bei dir, nicht bei anderen.“

Parsley dachte nach, das sah ich ihr an.

„Ist es, weil dir die Stimme immer gesagt hat, dass du nicht gut genug bist?“

Ich schluckte und nickte. Sie kam auf mich zu und nahm mich in den Arm.

„Du bist nicht weniger Wert als andere, du bist mir wichtig Lorna, obwohl wir uns noch nicht lange kennen, habe ich das Gefühl wir wären schon ewig befreundet! Ich will nicht, dass du deswegen nie wieder rausgehst, bitte komm mit mir mit.“

Sie sah mich flehend an und ich nickte ergeben. Sie drückte mich etwas fester und nahm dann meine Hand. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zu den Aufenthaltsräumen.
Im Aufenthaltsraum war es lauter als ich annahm, denn wir waren immerhin in einer Klinik. Destotrotz hörte man schon ausserhalb des Zimmers Gelächter und Getratsche. Mir wurde unwohl und ich hielt mich näher an Parsley. Sie öffnete die grosse Doppeltür und trat ein. Ich folgte ihr auf Schritt und blieb dicht hinter ihr. Sie steuerte auf eine Gruppe von Jungs und Mädchen zu, die etwa unserem Alter entsprechen mussten. Es waren ein Mädchen und zwei Jungs.

„Hey ihr!“

Parsley winkte fröhlich und die drei wurden auf uns aufmerksam.

„Hey Pars!“, grüsste ein relativ grosser Junge zurück. Sein Haar war schwarz und er hatte ebenso dunkle Augen. Seine Haut war ziemlich blass, wies sonst jedoch keine Makel auf. Die Kieferpartie des Jungen war sehr markant und auch sonst sah er äusserst gut aus. Parsley begann zu grinsen und ihre Wangen nahmen eine dunklere Nuance an. Auch der Junge errötete leicht und kratzte sich nervös am Nacken. Ich verkniff mir ein Kichern und wisperte Parsley zu: „So ist das also? Kein Wunder, dass du so schnell hier hin wolltest.“

Sie stiess mir mit dem Ellbogen in die Seite, musste aber lachen. Irgendwie fühlte ich mich nicht mehr verängstigt, die Leute hier hatten alle mit etwas zu kämpfen, man wurde kein Aussenseiter durch sein Problem, denn hier waren wir alle nicht ganz normal. Ich stupste Parsley fragend an, als sie nichts weiter tat, als den attraktiven Jungen anzustarren. Sie zuckte zusammen, begriff jedoch schnell.

„Huch, ja entschuldige“, schüchtern fuhr sie sich durch die Haare.

„Also, das hier ist Lorna, meine beste Freundin.“

Mir wurde warm ums Herz, als sie mich auf diese Art vorstellte. Ich lächelte und drückte ihre Hand, die ich noch immer hielt, etwas fester.

„Lorna, das sind Boyd“, sie deutete auf den bisher namenlosen Jungen, in den sie ganz offensichtlich verschossen war, „Adrien“, ein blonder Junge mit grünen Augen und weichen Gesichtszügen. Er wirkte um einiges schüchterner als der Rest, wahrscheinlich sogar schüchterner als ich, „Und zu guter Letzt, Ruby.“

Das Mädchen, welches Ruby sein musste, hatte rotes Haar und silbergraue Augen. Sie war noch dünner als Parsley, trotzdem wirkte sie glücklich. Ich lächelte allen zu und reichte den dreien die Hand.

„Hat jemand Lust auf Wii?“

Wir alle stimmten begeistert zu und machten es uns in den bequemen Sitzsäcken vor dem Fernseher, der in einer etwas abgelegenen Ecke im Raum war, bequem. Grinsend schnappte ich mir einen Controller.

„Du wirst untergehen Pars.“

„In deinen Träumen!“, lachte sie mir frech entgegen. Und zum ersten Mal seit einer halben Ewigkeit, fühlte ich mich wie ein ganz normales Mädchen. Ich konnte lachen und hatte Freunde um mich herum. Die grausame Stimme in meinem Kopf hat seit gut drei Wochen nicht mehr mit mir gesprochen und ich war glücklich. Vielleicht würde schlussendlich doch noch alles gut werden.

 

Ende