Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Ja, Lorna soll ihre Rache durchführen

Tylers Worte gaben mir zu denken. Sollte ich das wirklich riskieren? Waren seine Worte wirklich ernst gemeint, oder sprach er bloss leere Drohungen aus? Verärgert schrie ich auf und lauschte dem Hall meiner eigenen Stimme. Ich spürte den Frust und die Wut in meinem Innern brodeln. Ich durfte mich nicht manipulieren lassen. Wenn Tyler dachte, dass er mich mit dieser Aktion davon abhalten konnte Haley einen Denkzettel zu verpassen, welcher sie mir definitiv vom Hals schaffen würde, hatte er sich aber ganz schön geirrt.

 

Mit einem siegessicheren Grinsen auf dem Gesicht sass ich einige Minuten später vor meinem PC. "Drucken", murmelte ich leise und klickte das kleine Feldchen. Der Drucker setzte sich in Gang und ein teuflisches Meisterwerk nach dem anderen entsprang dem Gerät. Ich besah mir den Stapel von insgesamt 50 Auflagen des grässlichen Bildes. Einige Male durchquerte der Gedanke mein Gehirn, dass ich es eventuell übertrieben habe, doch ich schüttelte jeden Zweifel ab. Nichts würde mich stoppen, Haley wird zu Grunde gehen.

 

Ich blickte in den Spiegel und prüfte meinen Look. Ich trug schwarze Skinnyjeans und einen engen schwarzen Pullover mit Kapuze. Ich war wirklich zufrieden und drehte mich ein paar Mal. Ich seh aus als wäre ich dabei ein Jahrhundert-Verbrechen auszuführen. Ich schmunzelte, denn wer weiss? Vielleicht wird das tatsächlich ein Jahrhundert-Verbrechen. Haleys Ruf würde ruiniert sein. Noch ein letztes mal blickte ich zurück in mein Zimmer, den Stapel Papier hatte ich unter den Arm geklemmt. Lautlos trat ich aus der Tür und schlich durch die Gänge des Internats. Nachts war das Gebäude noch viel unheimlicher und bedrückender als bei Tageslicht. An einigen Zimmertüren brachte ich beim Vorbeigehen eines der Bilder an. So arbeitete ich mich langsam durch die Korridore, die Kantine, etliche Unterrichtszimmer und die Haupthalle. Sogar beim Rektorat hingen 3 Exemplare. Ich hatte stets darauf geachtet, dass mein Gesicht von der Kapuze verhüllt blieb, so würde mir niemand was nachweisen können. Alle ausser Tyler, doch ich verwarf den Gedanken schnell. Tyler würde mich niemals verraten, oder?

 

Ich kehrte erschöpft in mein Zimmer zurück, die Kleider schloss ich in meinen Koffer ein und schlüpfte schnell in meinen Schlafanzug. Im Bett starrte ich hoch zur Decke und brachte trotz meiner Müdigkeit kein Auge zu. Hatte ich falsch gehandelt? Meine Gedanken kreisten und vertrieben den Schlaf. Ich wälzte mich umher, doch ich schlief nicht mehr ein. Mich überkam plötzlich unsägliche Reue. Ich wollte schon aufstehen, durch die Schule rennen und die Bilder runterreissen. Gerade als ich aufschreckte und aus dem Bett sprang bemerkte ich die feinen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Jalousien bahnten. Panik machte sich in mir breit als ich realisierte, dass sich meine Chance alles wieder gut zu machen gerade in Luft aufgelöst hatte. Seufzend bewegte ich mich in mein Badezimmer. Im Spiegel traf ich auf müde, leere Augen in einem blassen Gesicht. Schwarze Augenringe hatten sich gebildet und zeugten von einer schlaflosen Nacht. Ich sah wie ein Zombie aus, wenn man ehrlich war und meine Gedanken waren überaus ehrlich mit mir. Ich huschte unter die Dusche und liess das heisse Wasser auf meinen Körper prasseln. Als ich die kleine Duschkabine verliess, war meine Haut gerötet von der Hitze. Ich betrat in ein grosses, flauschiges Handtuch gewickelt mein Zimmer wieder und schreckte erstmal heftig zurück. Tyler stand vor meinem Bett und blickte mich kalt an, die Arme vor der Brust verschränkt und in einem Zeichentrickfilm, wäre nun Rauch aus seinen Ohren gequalmt.

 

"Lorna, bist du eigentlich komplett bescheuert? Ich fass es nicht, dass du das getan hast!"

Er schrie mich an und nun war es an mir, ebenfalls wütend zu werden. Ich stapfte auf ihn zu und erhob meine Stimme beträchtlich.

"Ich bin überhaupt nicht bescheuert! Ich hab dir gesagt, dass ich es tun werde, dachtest du etwa ich mache Spass?"

Tyler blickte auf mich hinab.

"Nein, aber ich dachte, dass du wenigstens genug Intelligenz besitzt um einzusehen wie dumm diese Aktion ist!"

Ich blickte meinen Freund fassungslos an.

"Willst du etwa gerade meinen Intellekt in Frage stellen?", zischte ich.

"JA, GENAU DAS WILL ICH!"

Meine Augen verengten sich zu Schlitzen, ich sah nur noch Rot, denn langsam übertrieb es Tyler. Was kümmerte ihn Haley eigentlich?

"Ich sag' das jetzt genau einmal deutlich Tyler, hör auf dich in meine Angelegenheiten einzumischen, denn sie gehen dich nicht das geringste an! Was interessiert es dich überhaupt, was ich Haley antue? Du bist MEIN Freund, du solltest MICH unterstützen!", brüllte ich.

Der Junge vor mir spannte sich an und ich wusste, dass ich eine Grenze überschritten habe. Ich sah es ihm genau an. Seine Expressionen wiederspiegelten blanke Wut. Seine Stimme jedoch, war ruhig, doch nicht minder bedrohlich wirkte sie, als die zerstörenden Worte seinen Mund verliessen.

"Nein Lorna, ich war dein Freund. Du bist nicht mehr das Mädchen in was ich mich verliebt habe, schau dich doch mal an!"

Mein Körper wurde taub und ich fühlte nichts mehr für einen Moment, dann kam der Schmerz und mit soviel Wucht, dass er mich zerbrach. Mein Herz zog sich zusammen und brannte wie Feuer, Tränen sammelten sich in meinen Augen, als ich vor meinen Augen alles verlor. Ich verlor den Jungen, den ich so sehr liebte und es war meine Schuld.

"Das kannst du nicht machen", schluchtzte ich.

"Ich hab es soeben getan."

Wie konnte er nur so kalt sein? Der Schmerz nahm zu und stieg ins Unendliche. Ich überbrückte den Abstand und umklammerte seine Handgelenke, er wich zurück, doch ich liess nicht los.

"Tyler bitte", ich brach ab und wurde von einer Tränenwelle unterbrochen.

"Tyler bitte, das kannst du mir nicht antun! S-schau mir in die Augen Tyler, l-liebst du mich?"

Kurz sah ich das dunkle Braun seiner Augen, bevor meine Tränen wieder mein Sichtfeld zu einem verschwommenen Bild machten.

"Ich habe Lorna geliebt, doch du bist nicht mehr Lorna. Du hast dich zu etwas verändert womit ich nicht glücklich sein kann."

Ich hätte schwören können, dass man ein Klirren hörte im Raum, als mein Herz in tausend Scherben zerbarst. Ich liess von Tyler ab.

"Geh. Geh raus!"

Er folgte meinen Anweisungen und verschwand, die Tür viel ins Schloss und ich fiel. Ich viel tief, so tief, dass mir der Aufprall die Luft aus den Lungen nahm. Weinend lag ich ausgestreckt auf dem Boden und konnte mich nicht mehr beruhigen.

 

Als ich mitten in der Nacht erwachte, erinnerte ich mich nicht mal daran, dass ich eingeschlafen war. Als ich mir die Geschehnisse des vergangenen Morgens wieder ins Gedächtnis rief, wollte ich gleich wieder anfangen zu heulen. Aus meinem Mund kam bloss ein trockenes Schluchzen, wahrscheinlich hatte ich gar keine Tränen mehr übrig um noch weitere zu vergiessen. Ich drehte mich, doch fand keinen Schlaf mehr. Zu gross war die Angst davor, was mich in der Schule erwarten würde.

 

"Miss Frost, wären sie so freundlich uns zu erklären, wo sie gestern waren?"

Mein Schuldbewusstsein wandelte sich langsam in Genervtheit um. Zum, und ich übertreibe nicht, 7. mal werde ich jetzt dieselbe Frage gestellt. Ich konnte mir ein Augenverdrehen nicht verkneifen und ich hatte Grund genug dazu. Ich darf mich nach der Schule im Rektorat melden und von den Lehrern bekam ich Strafarbeit um Strafarbeit. Mein ganzes Leben war bloss Stunden davor zerbrochen und nun prasselte die Missbilligung aller nur so auf mich ein. Mein Geduldsfaden riss und ich wusste nicht, ob es einfach an meinem instabilen Zustand lag, oder an dem offensichtlichen Schlafmangel, der sich durch tiefschwarze Schatten unter meinen Augen sichtbar machte. Was auch immer der Auslöser war, ich konnte nicht mehr. Ich starrte unseren Mathelehrer gehässig an, ich konnte ihn sowieso nicht ausstehen und das kam der Situation nicht wirklich zu Gunsten.

"Nun, wie sie mit ihrem unglaublichen Feingespür ja schon herausgefunden haben, war ich offenbar nicht hier. Wenn sie also ihr Genie dafür verwenden würden, 1 und 1 zusammenzuzählen, anstatt blöd zu fragen, wär es sicherlich nicht allzu schwer zu dem Schluss zu kommen, dass ich den Unterricht sausen gelassen habe."

Ich blickte mich im Zimmer um und sah zahlreiche Münder offen. Vereinzeltes Wispern vernahm man und Haley zeigte kichernd auf mich. Diese bescheuerte Ratte sollte besser ihren Mund halten, immerhin haben eine gute Hälfte aller Schüler ihr Bild zum Schreien gefunden und ihr Status liegt praktisch genauso weit unten wie meiner. Bis jetzt gab es keine Andeutungen, dass jemand wusste wer dahinter steckte, das war mein einziger Lichtblick. Herr Hartshorn fand sein Wort wieder und mir war schon klar, dass ich massiv in der Scheisse steckte, schon bevor er seinen Mund öffnete. Doch es war mir egal, ich hatte sowieso verloren, es kam nicht mehr darauf an und wenn ich sowieso nicht mehr da raus kam, dann wollte ich dafür sorgen, dass nicht nur ich darunter litt. Wehklagen und Selbstmitleid war vorbei, jetzt folgte Rache und Missgunst und glaubt mir, darin war ich gut. 

 

"Herein", vernahm ich die Stimme von Miss Bradford, der unsympathischen Rektorin mit der dämlichen Magnetbrille. Ich hatte seit meiner Ankunft glücklicherweise nichts mehr mit der alten Schrulle zu tun gehabt, doch wie in allen anderen Bereichen meines Lebens, verliess mich auch hierbei das Glück. Ich atmete tief ein und aus, danach betrat ich das Büro. Sie sah genau gleich aus wie damals. Die selben, mausgrauen Haare, der selbe Dutt, das selbe, bösartige Gesicht, die selbe, dämliche Magnetbrille. Vielleicht hatte sie etwas mehr Falten bekommen und sah, wenn möglich, sogar noch etwas bösartiger aus als sonst, doch abgesehen davon könnte man meinen, dass es noch immer mein erster Tag in diesem Hölloch von Internat war und ich gerade den Papierkram erledigen sollte.

 

"Miss Frost, so geht es nicht weiter mit Ihnen."

Ich blickte die Alte bloss stur an.

"Uns ist zu Ohren gekommen, dass Sie dem Ruf einer Mitschülerin auf grauenhafte Weise geschadet haben. Die Bilder im Schulhaus widersprechen den Regeln, sowohl auch der Moral dieser Schule."

Mit weit aufgerissenen Augen sah ich die Frau an, denn woher sollte sie wissen, dass ich das mit den Bildern war. Es traf mich wie ein Schlag: Tyler! Wie konnte er nur so falsch sein? Augenblicklich sammelte ich mich, ich durfte mir nichts anmerken lassen. Wenn meine Annahmen korrekt waren, hatten sie bloss Aussagen.

"Bei allem Respekt Miss Bradford, doch ich kann Ihnen nicht ganz folgen", sagte ich in meiner besten Unschuldsstimme.

Ich sah in ihren Augen meinen winzigen Erfolg, sie begann zu zweifeln. Ich unterdrückte das Grinsen und behielt einen Ahnungslosen Ausdruck.

"Miss Frost, ich habe eindeutige Aussagen eines sehr vertrauenswürdigen Schülers, ausserdem die Tatsache, dass sie gestern den ganzen Tag nicht im Unterricht erschienen sind."

Glaubwürdig sagte ich ihr, was ich jedem Lehrer vorgegaukelt habe: "Ich weiss Miss, mir ging es vorgestern schon extrem schlecht, ich hatte wohl etwas erwischt, weshalb ich gestern den ganzen Tag durchgeschlafen habe, ich war so erschöpft, dass ich wohl den Wecker nicht gehört habe. Als ich aufwachte war bereits Mitternacht und ich hielt es für unangebracht mich um eine solche Zeit noch zu entschuldigen."

Ich hätte beinahe die Arme in die Luft geworfen, denn die Schreckschraube schien mir meine Ausreden tatsächlich aus der Hand zu lecken.

"Und was haben sie zu den Anschuldigungen zu sagen?"

Noch leicht misstrauisch hakte die Rektorin nach.

"Nichts weiter, als dass ich so etwas niemals tun würde. Ich möchte wirklich niemanden falsch beschuldigen, doch leider hatten ich und Haley eine sehr schwierige Beziehung zueinander. Es könnte sein, dass es deshalb Vermutungen gab, dass ich diese Bilder aufgehängt habe, doch so weit würde ich niemals gehen."

Mit einem geschlagenen Nicken entliess mich die Scheuche, ich wusste, dass ich gewonnen hatte.

 

Ich hatte tatsächlich gute Arbeit geleistet. Jeden Hinweis auf die Tat hatte ich beseitigt und der Fall war für die Lehrer abgeschlossen. Nicht für die Schüler jedoch, denn Haley und Tyler setzten alles daran, dass ich soviel Hass wie möglich zu spüren bekam. Jedes mal versetzte es mir einen Stich ins Herz wenn ich den Jungen auch nur ansehe. Es war eine ewige Erinnerung an das, was ich verloren hatte. Nichts destotrotz gab es auch Leute, die mich auf gewisse Art ehrten, für meinen "Mut". Auch mein scharfzüngiges Auftreten gegenüber Lehrpersonen, fand Gefallen bei wenigen Schülern. Es war wie in meiner alten Schule: Manche respektierten oder fürchteten mich sogar, andere verachteten mich. Und genau das war es, was mir gefehlt hat.

 

Ich sass alleine in der Kantine und hatte einen halbwegs essbaren Salat auf dem Tablett. Ich stocherte darin herum und genoss die Musik, die durch meine Kopfhörer in mein Gehör floss und mich von der Aussenwelt abschotteten. Jemand tippte auf meine Schulter und ich zuckte zusammen. Schnell zog ich mir meine Kopfhörer aus den Ohren und blickte nach hinten um den Störenfried auszumachen. Das Mädchen war hübsch. Sie war zierlich gebaut, jedoch wahrscheinlich etwas grösser als ich. Ihre rot-braunen Haare fielen ihr in leichten Wellen über die Schulter und reichten bis zu ihrer Taille. Die Augen der Fremden hatten die Farbe von Mocca. Sie hatte ein sanftes Lächeln auf den Lippen. Fragend zog ich eine Augenbraue hoch und musterte das Mädchen.

"Kann ich mich zu dir setzen?", fragte sie schüchtern. Ich nickte und deutete auf den Platz neben mir. Sie war mir noch nie aufgefallen an dieser Schule, überlegte ich, als sie schon mit den aufklärenden Worten kam: "Ich bin Parsley, ich bin neu hier."

Ich schüttelte ihre Hand und war überrascht, wie kalt diese war, denn das Mädchen umgab eine seltsam warme Aura. Ich bemerkte, dass sie wahrscheinlich auch von mir erwartet, dass ich mich vorstelle.

"Oh, ahm, ich bin Lorna, ich kam vor etwa einem Jahr hier her."

Unsere Hände lösten sich und irgendwie wollte ich weiter reden. Irgendwas an ihr war interessant und machte mich neugierig.

"Wie ist es hier so?"

Ich blickte zu Parsley und brach in Gelächter aus. Sie wirkte etwas vor den Kopf gestossen und ich behob meinen Fehler sofort: "Tut mir leid, tut mir leid, ich hab dich nicht ausgelacht! Ich meine nur, ahm...das Internat hier ist die Hölle auf Erden, wirklich!"

Ein Grinsen stahl sich auf das Gesicht meines Gegenübers.

"Hast du Lust es etwas erträglicher zu gestalten?"

Überrascht warf ich ihr einen Blick zu. Konnte es sein, dass ich gerade meine perfekte Verbrechenspartnerin gefunden hatte?

"Das klingt nach gar keiner schlechten Idee."

Parsley erhob sich von ihrem Platz und streckte ihre Hand aus. Fröhlich ergriff ich diese und mit einem vielsagenden Grinsen verliessen wir die Kantine und machten uns gemeinsam auf den Weg zum nächsten Unterricht. Ja, das würde definitiv interessant werden.

 

 Zur Fortsetzung