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Ja, Tyler begleitet Lorna nach Hause

Voller Überzeugung antwortete mir Tyler: „ Ja ich komme mit dir mit.“

Ich schluckte und wusste nicht was sagen. Ich hatte gehofft, Tyler beim Gespräch am Morgen umgestimmt zu haben, doch leider war er immer noch der Meinung, ihm würde nichts passieren und er wäre sicher vor meinem Vater. Tyler war mir so wichtig, doch ich wollte nicht, dass er meinen Vater vielleicht betrunken sieht oder ihn sogar noch zu spüren bekommt, wenn er ausrastet. Ich hatte Angst. Ihn zu verlieren wäre das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte. Doch wo denke ich schon wieder hin. Mein Vater wird Tyler doch nicht gleich umbringen. Manchmal steigerte ich mich einfach selbst zu fest in etwas rein.

„Lorna?“, holte mich Tyler aus meinen Gedanken. Hastig schaute ich auf.

„Sorry, hast du etwas gesagt?“

„Ja, ist aber schon echt eine Weile her.“

Nun antwortete ich ihm endlich:“ Na gut, wenn du unbedingt mitkommen möchtest. Aber bitte Tyler, du musst mir versprechen, dich nicht mit meinem Vater anzulegen, wenn er irgendwelche provozierenden Andeutungen macht. Sonst wird das nicht gut enden.“

„Ich begleite dich doch, dass dir nichts passiert, also werde ich auch dafür sorgen, dass er weder dir, noch mir etwas antut.“

Mein lautes Ausatmen, welches ich darauf machte, war kaum zu überhören.

„Nein das ist nicht nötig. Versprich es mir jetzt bitte und ich will, dass du dieses Versprechen auch ernst nimmst. Wie schon einmal gesagt, ich weiss wovon ich spreche.“

Tyler rollte seine Augen und nickte.

„Ja Madame, ich verspreche es Ihnen.“

Ein kurzes Grinsen haschte über mein Gesicht und ich wuschelte ihm durch seine braunen Haare.

„Danke“, flüsterte ich und küsste ihn.


Am Samstagmorgen wurde ich von einem Klopfen an der Zimmertür geweckt. Verschlafen schlenderte ich zur Tür und öffnete sie, da ich mir sicher war, dass ich Tyler zu erwarten hatte.

„Oh habe ich dich geweckt?“ Ich nickte und strich meine Haare etwas zu Recht.

„Das tut mir Leid Babe, aber ich weiss nicht was ich anziehen soll. Passt, das so?“

Ich musterte ihn kurz von oben nach unten. Er trug eine schwarze Hose mit Löchern an den Knien und ein weisses T-Shirt.

„Übertreib doch nicht. Ist doch egal was du trägst.“

„Naja hätte ja sein können.“

Schüchtern lächelte er und rieb sich etwas verlegen den Nacken. Ich begab mich zum Kleiderschrank und riss ein rotes schulterfreies Shirt heraus. Dazu entschied ich mich für eine schwarze Jeans.

„Um 10:02 Uhr fährt unser Zug. Wir treffen uns später wieder hier, ja?“, versuchte ich Tyler loszuwerden, der immer noch zwischen dem Türrahmen stand.

„Heisst das, ich muss jetzt gehen?“, hakte er noch einmal nach.

Er war nicht verärgert, das hörte ich an seiner Stimme, deshalb fühlte ich mich auch nicht schlecht, als ich antwortete: „Ja…sorry aber ich muss mich noch fertig machen und da störst du vielleicht ein bisschen.“ Ich war ein echter Morgenmuffel, weshalb Tyler sich auch schnell vom Acker machte, bevor ich meine schlechte Laune wieder an ihm ausliess.


Drei Stunden später standen wir vor meiner Haustür. Ich freute mich meine Mutter und meinen Bruder endlich wieder zu sehen. Von meiner Begleitung sagte ich allerdings nichts und so hoffte ich, dass sie Tyler freundlich empfangen würden. Ich drückte die Klingel und bereits nach wenigen Sekunden wurde die Tür von meinem Bruder geöffnet. Ich war glücklich ihn zu sehen und umarmte ihn.

„Und wer ist er?“, war der erste Satz, den mein Bruder zu mir sagte.

„Das ist mein bester Freund Tyler.“

Mit einem „Hi!“ begrüsste mein Bruder ihn und bat uns herein.

„Mam?“, rief ich und hörte schnelle Schritte im Obergeschoss.

Meine Mutter kam die Treppe runter und nahm mich liebevoll in den Arm.

„Ich habe dich so vermisst meine Kleine“.

Ich widersprach ihr genervt:“ meine Grosse wohl eher.“

„Na hallo! Wer bist denn du?“, bemerkte meine Mutter meine Begleitung.

„Das ist mein bester Freund Tyler.“

„Lorna Schätzchen, du hättest mir auch sagen können, dass du jemanden mitbringst.“

„Sorry, das war so ein spontaner Entscheid.“

Meine Mutter schien kein Problem mit Tyler zu haben und bot uns kurz darauf etwas zu trinken an. Wir setzten uns an den Tisch in der Küche und unterhielten uns über meine neue Schule.

„Übrigens, dein Vater kommt auch bald. Zum Abendessen sollte er hier sein.“

Wenig begeistert nickte ich und nippte an meiner Cola. Mein jüngerer Bruder Andrew kam in die Küche und sass neben Tyler. Während ich mit meiner Mutter sprach, bemerkte ich, wie Andrew und Tyler bereits tief in einem Gespräch über Basketball waren, denn mein Bruder war ebenfalls Teil der Basketballmannschaft im Nachbarsdorf. Ich stand auf um mir ein Glas Wasser zu holen, da hörte ich meinen Bruder sagen:“ Ey Tyler, lass uns mal Nummern tauschen. Du scheinst ja echt ein cooler Typ zu sein.“

Tyler hatte nichts dagegen und gab meinem Bruder sein Handy, um seine Nummer einzutragen.

„Wer ist denn „Babeee<3“?“, fragte mein Bruder neugierig und Tyler riss ihm schnell das Handy aus der Hand.

„Lass das! Meine Kontakte gehen dich nichts an.“

Mein Bruder lachte frech.

„Ich hab ja nur gefragt. Raste doch nicht gleich aus. Aber wenn das ja so eine geheimnisvolle Sache ist…“, ehe er den Satz beendete, schnappte er sich wieder Tylers Handy und rannte davon.

Ich wusste, dass jeden Moment auffliegen würde, dass Tyler nicht nur mein bester Freund ist, denn mein Bruder kannte meine Nummer auswendig und so konnte er bestimmt schnell entziffern, wer „Babeee<3“ war. Wenn mein Vater davon Wind bekommen würde, wovon ich ausgehen konnte, wären Tyler und ich am Ende. Meine Mutter stand auf.

„Andrew! Bring das Handy wieder!“

Sie eilte aus der Küche ins Zimmer von Andrew. Tyler und ich tauschten unsere Blicke und er fluchte:“ Verdammt. Ich hätte ihm mein Handy nicht geben dürfen.“ Er vergrub das Gesicht in den Händen und ich meinte:“ Was wenn wir einfach wieder gehen, bevor mein Vater hier ist?“

„Ja oder ich gehe alleine nach Hause.“

„Nein Tyler, kommt nicht in Frage.“

Plötzlich hörte ich einen Schlüssel in der Tür drehen und hastig schaute ich mich nach einem Versteck um. Zu spät mein Vater trat ein.

„Ich bin doch etwas früher wieder da.“

Noch sah er uns nicht, doch als er seine Jacke auszog und sich umdrehte, schaute er mir genau ins Gesicht.

„Lorna? Ach was eine Überraschung.“

Ohne zu antworten, packte ich Tyler am Arm und rannte aus der Küche an meinem Vater vorbei. Genau in diesem Moment kamen meine Mutter und Andrew die Treppe runter. Meine Mutter wackelte mit dem Zeigefinger und ich wusste, was ich zu erwarten hatte.

„Du hast also einen Freund…und mich angelogen hast du auch noch.“

Ich wusste nicht, was ich hätte tun sollen und stand wie angewurzelt da. Mein Vater hakte nach:“ Einen Freund? So…so…etwa dieser Bursche hier?“, er legte seine Hand auf Tylers Schulter und ihm stand die Angst nur so ins Gesicht geschrieben. Meine Mutter bestätigte:“ Ja genau.“ In der Zwischenzeit begab sich mein Bruder wieder in sein Zimmer.

„Aber Lorna, wie oft habe ich dir gesagt, dass ich nicht möchte, dass du einen Freund hast! WIE OFT?!“

Mein Vater wurde aggressiv. Tyler trat einen Schritt zurück und erschrak als er die steile Wendeltreppe hinter sich bemerkte, welche runter in den Keller führte. Mein Vater packte Tyler am T-Shirt und zog ihn an sich.

„Jetzt hör mal junger Bursche! Lass bloss die Finger von meiner Tochter! VERSTANDEN?!“

„Lassen sie mich los!“, brüllte Tyler und schubste meinen Vater weg. Der Kopf meines Vaters war knallrot und ich befürchtete, dass er bald seine Beherrschung verlieren würde. Ich versuchte Tyler zu beschützen und stand vor ihn hin.

„PAPA HÖR AUF!“

Mein Vater holte mit seiner Hand aus und ehe er mich schlagen konnte, stiess ihn Tyler zur Seite, dabei knallte er in die Vitrine hinter ihm. Der Streit eskalierte langsam aber sicher und ich wusste nicht mehr was tun. Mein Vater richtete sich auf und schubste Tyler mit ganzem Schwung zurück. Er vergass die Treppe hinter Tyler, welche auch schlecht zusehen war und Tyler stürzte die steile, metallische Wendeltreppe hinunter. Ich schrie gequält.

Ich wollte zu Tyler, doch ich schaffte es nicht. Ich konnte mich nicht bewegen. Eine gefühlte Ewigkeit stand ich da und starrte zur Wendeltreppe. Ich konnte nichts hören von Tyler, was mir noch mehr Angst einjagte. Ich sah meine Mutter mit Händen vor dem Mund und bleichem Gesicht da stehen. Daneben mein Vater mit zittrigem Körper. Mit langsamen Schritten ging ich auf die Treppe zu und sah bereits von oben dutzende Tropfen Blut auf der ganzen Treppe. Ich schritt nach unten und sah Tyler mit blutigem Kopf am Boden liegen.

Die Tränen strömten nur so über mein Gesicht und ich konnte kaum noch sehen. Ich kniete mich neben ihn und rüttelte an ihm, in der Hoffnung, dass er wieder zu sich kam. Oben hörte ich bereits, wie meine Mutter einen Krankenwagen rief. Ich hob Tylers Kopf an und eine riesige Lache Blut kam zum Vorschein. Mein ganzer Körper zitterte und mein Heulen war kaum zu bremsen. Seinen Puls konnte ich noch fühlen und hoffte, der Krankenwagen würde in Eile hier sein. Ich beugte mich über Tyler und hielt ihn fest. Niemals wollte ich ihn gehen lassen. Ich fühlte seinen ganz schwachen Atem in meinem Nacken. Plötzlich merkte ich, wie er nur noch ganz selten atmete. Ich schreckte auf. Ich hörte wie endlich der Krankenwagen ankam. Nach 10 Minuten waren sie bereits hier, doch es fühlte sich für mich an, wie eine Stunde. Ich machte den Sanitätern Platz und mir wurde plötzlich schwarz vor Augen.

 

Als ich aufwachte lag ich auf dem Sofa und meine Mutter sass daneben. Ich sprang auf und ging wie ferngesteuert zur Tür.

„Wo gehst du hin?“, fragte meine Mutter.

„I-i-ich muss i-i-in das Spital sofort. Tyler…“

Meine Mutter unterbrach mich:“ Schatz“, eine Träne rinn über ihr Gesicht, „Tyler,…Er hat zu viel Blut verloren. Er ist…er ist t-tot.“

Sie bekam einen Heulkrampf und ich stürzte zu Boden. Ich liess einen Schrei von mir

„NEIN! DAS KANN NICHT WAHR SEIN! NEIIIIN! ICH HASSE PAPA…ICH HASSE IHN!“

Meine Mutter schluchzte:“ Er ist nun auf dem Polizeipräsidium.“

„JA HOFFENTLICH KOMMT ER INS GEFÄNGNIS! ICH WILL IHN NIE MEHR, NIE MEHR SEHEN!“

Ich wusste nicht mehr, was ich jetzt mit meinem Leben anfangen sollte. Ich verliess das Haus und liess mich schlussendlich auf einem Bank in einem kleinen Park nieder. Es war bereits dunkler geworden, was zu meiner Stimmung passte. Ich weinte und weinte und weinte und konnte nicht stoppen. Die Bilder, wie mein Vater Tyler schubst, das Blut. Es ist alles meine Schuld. Ich hätte niemals zulassen dürfen, dass Tyler mitkommt. Spätestens als mein Vater kam, hätte ich ihn nach Hause gehen lassen sollen. Was bin ich bloss für ein Mensch. Ich kannte die Gefahr, doch tat ihm dies trotzdem an. Wegen mir ist die wichtigste Person in meinem Leben gestorben. ALLES NUR WEGEN MIR.
„Da hast du ganz Recht, du bist eine abscheuliche Person! Das wusstest du schon immer Lorna, jetzt hast du den Beweis!“

Ich zuckte fürchterlich und sogar mein Weinen stoppte, als eine Stimme in meinem Kopf zu reden schien, was war los mit mir?

„Du gehörst mir, Lorna!“

„N-Nein, NEIN!“ Ich schrie die unbekannte Stimme an und blankes Entsetzen machte sich in mir breit.

„Wer bist du? Lass mich in Ruhe!“

Schrilles Kichern erfüllte meinen Kopf und ich begann wieder zu weinen und zu schluchzen.

„Ich bin dein einziger Freund Lorna, ich bin alles, was du hast! Ich bin deine innere Stimme!“

Ich schrie auf, denn das Stimmengewirr löste eine Art Schmerz in meinem Innern aus. Die Angst verwandelt sich langsam in pure Panik!

„Hör auf, hör bitte auf! Du tust mir weh!“, sagte ich heiser. Ein Pärchen lief an mir vorbei und starrte mich verstört an, doch das war gerade nicht meine Sorge.

„MÖRDERIN! MÖRDERIN! MÖRDERIN! DU BIST SCHULD AN TYLERS TOD!“

Ich kreischte und grub meine Nägel ins Holz der Parkbank.

„SEI STILL! SEI STILL! ICH WILL ALLEIN SEIN!“

Geschüttelt von Weinkrämpfen und dem Schmerz, der die Stimme verursachte, kauerte ich auf der Bank und wollte nur noch, dass alles aufhörte. Ich wünschte, die Welt würde für immer aufhören, sich zu drehen. Mir wurde schwindelig.

„Du wirst nie wieder allein sein! NIE WIEDER! Du wirst mich nie los, denn ich bin du! Ich kontrolliere dich, du bist wie eine Marionette für mich!“

Mit einem markerschütternden Schrei erhob ich mich und begann zu rennen. Ich wusste nicht wohin, ich wollte einfach weg von allem.

 

Zur Fortsetzung