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Lorna setzt sich zu den drei Mädchen

Nachdem ich schlussendlich akzeptieren musste, dass kein leerer Tisch mehr übrig war, steuerte ich auf den Tisch mit den Mädchen zu. Sie checkten durchgehend ihr Handy und sprachen ab und zu einige Worte. Ich stellte mich neben den Tisch und fragte zögerlich: "Ähm, darf ich mich vielleicht setzen?"

Die Mädels sahen auf und musterten mich. Ich kam mir unwohl vor. Ich gehörte nicht dazu, das sah man. Sie trugen Markenklamotten, das sah ich sofort. Ich trug eine schwarze Skinny-Jeans und einen dunkelroten oversize-Hoodie. Auch die Mädchen schienen festgestellt zu haben, dass ich ihrer Meinung nach nicht in ihrer Liga spielte. Das blondhaarige Mädchen kicherte übertrieben laut und gackerte: "Du? Was willst du bitte an unserem Tisch?"

Sie brachen erneut in Gelächter aus und ich starrte sie mit grossen Augen an.

"Was ist euer Problem? Ich hab euch lediglich eine Frage gestellt!"

Das eine Mädchen, welche mir wie die Anführerin der Zicken-Clique vorkam, erhob sich vom Tisch und baute sich vor mir auf. Sie überragte mich um einige Zentimeter, was auch an ihren lächerlich übertriebenen High-Heels liegen konnte. Desto trotz war die Reaktion meines dämlichen Unterbewusstseins Abstand und diesen vergrösserte ich deshalb, mit einem kleinen Schritt nach hinten, zwischen der Tussi und mir.

"So leicht einzuschüchtern, Neuling?"

Sie spuckte die Worte förmlich aus. Ich konnte mich innerlich fast seufzen hören, war klar, dass du das nicht hinbekommst. Da hast du's, kein Mensch will was mit dir zu tun haben! Ich war jedoch entschlossen, mir nichts anmerken zu lassen und feuerte zurück: "Das hat nichts mit Einschüchtern zu tun sondern mit deinem üblen Mundgeruch, du Pfeife!"

Hätte ich mir zwei Sekunden mehr Zeit genommen, über das nachzudenken, was ich da raushaute, hätte ich mir vielleicht den brennenden Schmerz ersparen können, der sich über meine komplette linke Gesichtshälfte erstreckte, nachdem mir die Blonde Kuh doch tatsächlich und mit voller Wucht eine geklatscht hatte. Vielleicht hätte es mir auch all den Scheiss erspart, der noch folgen sollte. 

Es waren circa 4 Wochen vergangen, seit meinem ersten Tag. Für so kurze Zeit hatte sich drastisch viel geändert für mich. Die Klasse füllte sich allmählich und war mehr oder weniger bereit für die bevorstehende Deutschprüfung. Alle ausser ich. Jemand trat mir von hinten ins Kreuz und ich taumelte den restlichen Weg zu meinem Platz in der Ecke. Sowas war Normalzustand für mich geworden. Seit meinem ersten Tag, hatte ich mein Schicksal als Mobbing-Opfer besiegelt. Ein Zettelchen traf meinen Kopf und auch wenn ich nicht sollte, faltete ich das Papier auseinander und las:

"In der grossen Pause beim Schultor"

Ich schüttelte bloss den Kopf und warf den Müll auf den Boden. Ein zweites Mal würde ich bestimmt nicht dumm genug sein und der Forderung nachgehen. Die vielen blauen Flecken, einige sichtbar, andere nicht, die sich über meinen Körper erstreckten, erinnerten mich tatkräftig an diesen fatalen Fehler meiner Wenigkeit. Ungern erinnerte ich mich daran, wie sie mich zu Boden geprügelt haben, bis ich am Rande der Ohnmacht war. Der chronisch miesgelaunte Herr Reimbach betrat das Zimmer und teilte Wortlos die Blätter aus. Nach kurzer Zeit hörte man das Kratzen der Stifte auf Papier und gelegentliches Aufseufzen der Schüler. Ansonsten war alles still. Bis auf meinen Kopf, doch still war dieser schon lange nicht mehr.

Ich wollte mich endlich meiner Prüfung zuwenden, als ich heftig zusammenzuckte, da war wieder diese Stimme, diese schreckliche Stimme, die zu mir sprach und manchmal mein komplettes Bewusstsein fesselte.

Nein, nicht jetzt, dachte ich, doch es war sinnlos, mein Unterbewusstsein hatte längst die Macht über mich.

"Nicht jetzt? Wieso denn nicht jetzt? Du bist doch sowieso zu dumm für diese Prüfung, versuch‘s doch gar nicht erst, Akzeptanz ist ein guter Weg zur Besserung, Lorna!"

Wispernd antwortete mir die Stimme und normale Leute wären jetzt bestimmt verstört. Doch ich war nicht mehr normal, das ganze Geschehen hier war nicht mehr normal. Und zum ersten mal in meinem Leben wünschte ich mir normal zu sein. Vielleicht war "normal" nicht sehr interessant, doch diesem Wahnsinn in meinem Innern, zog ich es definitiv vor.

"Du bist nicht normal, Lorna! Alle wissen das, deshalb wird dich auch nie jemand akzeptieren! Du bist ganz einfach ein Fehler im System, ein Störungsfaktor in der Gesellschaft!"

Mit diesen Worten verschwand das Gefühl gefesselt zu sein und ich wurde erbarmungslos in die Realität zurück geworfen. Herr Reimbach war schon dabei unsere Prüfungen einzusammeln, ich schaute schockiert auf meins. Mit krakeliger Schrift stand quer über dem Blatt

"Ich bin ein Fehler im System

An einigen Stellen war die dunkle Farbe verlaufen und ich bemerkte erstmals, dass ich stumm zu weinen begonnen hab. Sofort wischte ich die nassen Spuren aus meinem Gesicht. Doch ich hatte verspielt, Herr Reimbach stand vor mir, besah sich das Blatt und schüttelte den Kopf. Ich hörte vereinzeltes Lachen und Geflüster, doch das war gerade irrelevant. Alles war irrelevant geworden für mich. Schlussendlich würde ich sowieso nie etwas erreichen in meinem Leben. Ich verliess meinen Platz nach dem Gong und verschanzte mich in den Kellerräumen, damit ich der Verachtung meiner Mitschüler immerhin in den Mittagspausen entfliehen konnte.

Nebst eines ausgezeichneten Rückzugortes waren die Kellerräume auch schön kühl. Draussen herrschte eine unerträgliche Hitze und in den Fluren war die verbrauchte Luft zu stickig um überhaupt recht zu atmen. Ich liess mich an der kahlen Wand runtergleiten und zog mein abgenutztes Notizbuch hervor. Ich blätterte auf eine freie Seite, von denen es nicht mehr viele gab. Durch meine Kopfhörer lief leise Musik und endlich fand ich Zeit meine Gedanken zu ordnen. Das war wichtig für mich, anderenfalls würde ich vermutlich durchdrehen.

Ich wollte gerade mein Brötchen auspacken, als die Schulglocke, unpassend wie immer, durch das Gebäude hallte und mich zum Aufstehen zwang. Ächzend streckte ich meine schmerzenden Gelenke, die durch die kauernde Sitzposition eingeschlafen waren. Ich schlurfte durch die überhitzten Gänge um zu meinem Spind zu gelangen. Angekommen schulterte ich meine Sporttasche, nebst allen anderen Fächern, hasste ich Sport am meisten. Beziehungsweise habe ich gelernt es zu hassen. Träge begab ich mich in den Betonklotz 2.0, der neben unserem Schulhaus, Betonklotz 1.0, stand. Noch immer verabscheute ich die Trostlosigkeit, welche das Gebäude vermittelte.

Ich überquerte den Basketballplatz wo einige Jungs einem Ball nachjagten und in die Körbe beförderten. Sinnlos, schoss es mir durch den Kopf und ich ging weiter. Naja, zumindest wäre ich weitergegangen, hätte mich nicht auf halber Strecke ein verdammter Basketball am Hinterkopf getroffen.

Komplett unvorbereitet strauchelte ich und fiel nach vorne. Instinktiv rappelte ich mich sofort auf und drehte mich zu den Vollidioten um, die gerade dabei waren ihren glorreichen Treffer zu feiern. Vom Ärger gepackt hob ich die Tatwaffe hoch. Nun mit dem Basketball in den Händen trat ich zu der Gruppe, die aus 5 Jungs bestand, einer davon war in meiner Klasse. Er hiess Tom und war der Freund von Kelly, die eine des berüchtigten Trio der Minderbemittelten 0815-Weiber war. Sie nannten sich anders, doch das kümmerte mich nicht.

"Daneben du Flasche! Der Mülleimer ist nämlich da!", zischte ich und um dem ganzen noch eins draufzusetzen knallte ich Tom, der mir am nächsten war, den Basketball ins Gesicht.

Ich schob es auf die Hitze, denn wäre ich bei vollem Bewusstsein, hätte ich mich sowas irrsinniges nie getraut. Ein breit gebauter Typ, der höchst wahrscheinlich eine, wenn nicht zwei Stufen über mir war, stellte sich vor mich. Wird er jetzt zuschlagen? Oh was denk ich mir, natürlich wird - Oh und wie er zuschlug. Seine Faust traf hart in meine Magengrube und ehe ich mich versah, krümmte ich mich am Boden vor Schmerz. Ich spürte einen Tritt in meine Rippen und schrie auf. Mein Blickfeld schwand und mir wurde kurz schwarz vor Augen.

„Lass es zu, du verdienst den Schmerz! Hatte die Stimme Recht? Du weisst, ich hab Recht, wehr dich nicht!“

Ich zitterte. Vielleicht stimmte es. Schmerz war das einzige, was mir niemand wegnehmen konnte. Er gehörte mir allein und ausserdem...war er betäubend.

„So ist es richtig, nimm an was dir zusteht, lebe den Schmerz!“

Doch ich wollte nicht so leben, es soll nicht immer alles wehtun, es soll aufhören!

„Du gehörst schon lange mir! Ich bin der Schmerz und ich bin alles, was du hast!“

Die Schreie, die mir entwichen, waren qualvoll und schrill. Ich fühlte den Schmerz immer weniger und plötzlich war er fort, fort so wie meine Fähigkeit etwas wahrzunehmen.

"Lorna Frost, können Sie mich hören?"

Zögerlich schlug ich meine Augen auf. Die Räumlichkeit in der ich mich befand, war fremd. Ich sah mich nach dem Urheber der Stimme um, es war eine Frauenstimme, auch die Stimme war fremd.

"Sie ist aufgewacht, wie sind ihre Werte?"

Die junge Frau, die ich langsam deutlicher vor mir sah, sprach diese Worte zu einer anderen Person, die vermutlich auch im Raum stand. Ich war vollends verwirrt und verstand nicht im Geringsten, wie ich hier gelandet war. Die Frau drehte sich erneut zu mir um. Sie hatte braune Haare, die in einem Dutt zusammengehalten wurden, ihr Gesicht bestätigte, was ihre Stimme andeutete. Es war eine junge Frau, maximal dreissig Jahre alt. Sie trug unifarbene, blaue Kleidung und langsam dämmerte mir es.

"Wieso bin ich im Krankenhaus?"

Panik machte sich in mir breit. Ich konnte Krankenhäuser nicht ausstehen, sie waren zu steril, zu sauber und zu hell. Mir schauderte und ich versuchte mich aufzusetzen. Ich zog scharf die Luft ein, denn meine Rippen schmerzten höllisch und mein Kopf pochte unangenehm.

"Bleiben Sie ruhig, wir erklären Ihnen gleich alles", redete die Krankenschwester auf mich ein.

Auf dem Schildchen, welches sie standardgemäss trug, konnte ich ihren Namen entziffern.

"Margot Bennet"

Ich registrierte den Namen und er verschwand in dem Bereich meines Hirns, wo sich tausend weitere Namen sammelten, die längst in Vergessenheit geraten waren. Namen gerieten bei mir unglaublich schnell in Vergessenheit. Namen waren im Endeffekt nur Buchstaben, sie machten einen verwechselbar. Schlussendlich ist der Name, bloss ein Zeichen, dass kein Mensch einzigartig ist, wie viele Lorna Frosts mag es wohl geben?

"Wie bitte?"

Meine Gedanken wurden unterbrochen, bevor sie ins Endlose gestiegen wären. Ich sah mich hastig um. Die Krankenschwester schon wieder.

"Gar nichts", sagte ich hastig.

Ich musste wohl laut gesprochen haben. Die Schwester sah mich misstrauisch an, bevor sie fortfuhr: "Kannst du dich erinnern, wie es zu dem Unfall gekommen ist?"

Ich blinzelte und versuchte mir das Geschehen aus einzelnen Erinnerungsstücken zusammenzureimen. Langsam kehrten die Bilder in meinen Kopf zurück und mit ihnen der Schmerz. Ich zuckte zusammen bevor ich schliesslich nickte.

"Beim Basketballplatz."

Ich schluckte bevor ich weiter sprach.

"Es waren einige Typen, ich glaube 5, die auf dem Basketballplatz waren. Sie bewarfen mich mit dem Ball, ich schoss ihn einem der Jungs an den Kopf, dann -"

Mein Blick wurde leer als ich an die Schmerzen dachte, nicht unbedingt die körperlichen Schmerzen, sondern die psychischen, die mir mein Verstand Tag für Tag zufügte. Ich sehnte mich nach der Taubheit, während ich bewusstlos war.

"Was ist dann passiert?"

Die Schwester holte mich nun zum dritten Mal aus meiner Gedankenwelt.

"Die Stimme", flüsterte ich.

"Stimme? Welche Stimme denn?"

Eiskalt lief mir ein Schauer den Rücken runter, ich hatte es gesagt, ich habe einer fremden Person das erzählt, was keiner erfahren sollte!

„Sag es ihr, sag ihr doch wie irre du bist! Erzähl ihr, wie verkorkst dein Inneres ist!“

Ich begann zu zittern. Alles soll schweigen, ich wünschte mir stille, ein Ende. Tod... Was brachte es mir denn noch, soll sie denken, dass ich verrückt bin.

"Die Stimme in meinem Kopf, sie ist immer da, ich kann sie nicht abstellen! Sie flüstert mir Dinge zu, sie macht, dass alles wehtut!"

Ich schluchzte und verbarg mein Gesicht in meinen Händen. Die Schwester bewegte sich, doch es interessierte mich nicht. Ich hörte, wie sie mit jemandem sprach.

Sekunden wurden zu Minuten und ich rührte mich nicht. Jemand umfasste meine Handgelenke. Ich schrie verängstigt auf.

"Haben Sie keine Angst, hier tut Ihnen niemand was, Sie sind hier sicher."

Eine tiefe Stimme, die zu einem Mann mittleren Alters gehörte. Er musste wohl der Arzt sein. Aus Nervosität fuhr ich mit der Zunge über meine normalerweise trockenen Lippen, die durch die Tränen jedoch feucht waren und salzig schmeckten. Ich versuchte mich zu konzentrieren, als der Arzt zu sprechen begann: "Hallo Lorna, ich bin Doktor Roy. Ich bin Chefarzt im Bereich Psychologie. Schwester Bennet hat mir erzählt, was du ihr gesagt hast", er machte eine kurze Pause, "und ich würde es für das beste finden, wenn du dir helfen lässt."

Ich sah ihn panisch an.

"Hör bitte erst zu, ja? Wir kooperieren mit einer ausgezeichneten Klinik, wo man dir helfen kann, wieder zu deinem gewohnten Lebensstandard zurückzukehren. Du willst doch wieder glücklich werden, nicht wahr?"

[Soll Lorna sich helfen lassen?]

Ja, Lorna soll sich helfen lassen
Nein, Lorna soll sich nicht helfen lassen