Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Lorna setzt sich zu der Jungsgruppe

Ich ging noch ziemlich unsicher auf die Jungs zu und fragte mit zittriger Stimme, ob ich mich zu ihnen setzten darf. Drei der vier Jungs schauten sich an und begannen zu lachen, doch der Junge mit braunem Haar und ziemlich muskulösem Körper grinste mich an und sagte freundlich:“ Klar setz dich.“

Ich schnappte mir einen freien Stuhl vom Nebentisch und setzte mich zu ihnen.

„Ich bin übrigens Tyler.“

Ich nickte verlegen und verriet ihm dann auch meinen Namen. Während die anderen drei Jungs sich alleine weiterunterhielten, begann Tyler ein Gespräch mit mir. Ich erfuhr von ihm unter anderem, dass er leidenschaftlicher Basketballspieler war und seit ungefähr einem Jahr im Internat lebte. Für einen kurzen Moment herrschte Stille und zu hören war nur noch meine Gabel, mit der ich in meinem Essen herumstocherte. Das Essen war erstaunlich gut, doch leider mochte ich keinen Bissen mehr. So liess ich meinen fast leeren Teller Spaghetti vor mir stehen und hoffte darauf, dass ich bald ein Gesprächsthema hatte, mit dem ich die Funkstille zwischen Tyler und mir brechen konnte. Da erkundigte sich Tyler grinsend:“ Und? Magst du nicht mehr weiteressen?“

Ich nickte und er fragte:“ Darf ich den Resten vielleicht noch?“

Ohne auf eine Antwort zu warten, zog er das Tablett zu sich und verschlang die übrig gebliebenen Spaghetti im Eiltempo. Tyler drehte seinen Kopf zu mir und ich schaute tief in seine Augen. Irgendwie spürte ich ein leichtes Kribbeln. Es war schön, doch da klingelte es schon zur nächsten Stunde und wir erhoben uns alle. Tyler ging nicht in die gleiche Klasse wie ich, deshalb machte ich mich alleine auf den Weg.


Während der ganzen Englisch Stunde hörte ich wieder einmal nicht zu. Stattdessen war ich voll und ganz in meinen Gedanken versunken. An alles, was ich denken konnte, war Tyler.

Ich zuckte zusammen, als plötzlich Mr. Hartshorn mit lauter Stimme meinen Namen durchs Klassenzimmer rief: „Lorna, ich habe dich gefragt, was sophisticated auf Deutsch bedeutet!“

„Ähm ja sophisticated…genau was war das nochmal?“, stotterte ich und versuchte meine Ahnungslosigkeit mit einem Lachen zu überspielen.

Mr. Hartshorn warf mir einen genervten Blick zu und antwortete:“ Nun ja, das frage ich dich, Lorna.“

Ich bemerkte, wie einige meiner Mitschüler sich verheissend anschauten und ganz vorne sah ich sogar, wie sich Jade die Klassenzicke, wie ich bereits herausgefunden habe, eine Facepalm gab und den Kopf schüttelte. Zögerlich erklärte ich dem Lehrer nun endlich, dass ich die Bedeutung nicht wusste. Er bat mich aufmerksamer zu sein, da er es anscheinend am Anfang des Unterrichts bereits erwähnt hatte. Ein Gähnen konnte ich mir aber trotzdem nicht verkneifen, was ich besser nicht getan hätte.

„Lorna, Raus!“

Verängstigt blieb ich auf dem Stuhl hocken, in der Hoffnung er würde seine Meinung ändern. Doch da rief er nochmal, dass ich das Zimmer verlassen sollte und so schlenderte ich raus. Ich liess mich auf einem Bank im Flur nieder und eine Träne kullerte über meine Wange.

Ich begann an mir zu zweifeln: „Wieso kannst du dir nicht einmal Mühe geben? Der erste Schultag und schon hassen dich alle wieder. Jetzt reiss dich...“, da kam Tyler aus dem Klassenzimmer gegenüber und ich wischte hastig meine Träne weg. Ich setzte mein schönstes Lachen auf.

„Hei!“

„Was machst denn du hier draussen?“, fragte er mich und lachte zurück.

„Na was wohl? Mr. Hartshorn hat mich rausgestellt, weil ich nicht zugehört habe.“

Er setzte sich zu mir. „Das kenne ich zu gut. Du möchtest nicht wissen, wie viele Minuten ich schon hier draussen vor der Tür verbracht habe.“

Meine Laune besserte sich in Sekundenbruchteilen wieder. Ich lachte verlegen.

Mr. Hartshorn öffnete die Tür rasant und Tyler begab sich schnell in die Jungs Toilette, welche am Ende des Flurs war. Ich nahm mir vor mich zusammenzureissen als mein Lehrer auf mich zukam.

„Ich hoffe, dass du dir jetzt etwas mehr Mühe gibst, ansonsten bleibst du nachher noch etwas länger hier, ja?“

Mit einem schüchternen Nicken erhob ich mich und betrat das Schulzimmer.

 

Am Abend bezog ich mein Schlafzimmer, welches sich im Nebengebäude befand und warf mich erschöpft auf mein Bett.

Was ein anstrengender Tag, dachte ich mir mit Erleichterung, den ersten Tag endlich hinter mich gebracht zu haben. Verträumt starrte ich zur Decke und in meinem Kopf fesselte mich nur ein einziger Gedanken, Tyler. Ich habe mich immer gefragt, ob es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt, doch nun habe ich eine Antwort darauf. Tyler fand ich bereits vom ersten Augenblick an süss, doch ich wollte es anfangs nicht so ganz wahrhaben. Ich hob meine Tasche aufs Bett und kramte darin nach meinem Handy. Als ich den Home-button drückte erschien sofort eine Nachricht von meinem Vater. Ich öffnete sie.


Hallo Lorna
Das mit gestern Abend tut mir unfassbar leid. Ich hoffe du bist heute gut gestartet.
Dein Papa.


Erstaunt war ich, dass er sich für das entschuldigte und ich fand es auch schön, doch ob ich ihm verzeihen konnte, wusste ich nicht. Schliesslich sagte er sowas wie gestern ja nicht einfach so. Irgendetwas wird da schon dran gewesen sein. Vor allem im Rausch scheut man vor solchen Aussagen nicht zurück und das machte mich einerseits traurig, doch andererseits nachdenklich. Ich wollte meinem Vater zu spüren geben, wie ich mich fühlte.

 

Hallo Papa
Ich finde es schön, dass du dich entschuldigst aber auch eine Entschuldigung macht es nicht besser, was du gestern gesagt hast. Deine Worte waren sehr verletzend und ich denke oft darüber nach…

 

Während dem Schreiben begann ich innerlich wieder zu kochen vor Wut. Ohne gross nachzudenken, tippte ich das, was mich bedrückte in die Tastatur.

 

…Hätten dich solche Worte nicht getroffen, wenn dir so etwas deine Eltern mal gesagt hätten? Ich denke schon. Doch alle anderen Menschen sind dir doch egal. Wieso wolltest du eigentlich Kinder, wenn du sie so behandelst?! Denkst du es ist schön, wenn mir jemand täglich sagt, dass ich ein hoffnungsloser Fall bin, aus dem nie etwas wird?! Ich weiss du warst an diesem Tag betrunken, doch selbst dann würde man nie so etwas sagen. Ja ich weiss, schon vorher musste ich mir ständig solche blöden Sprüche anhören von dir, aber das was du gestern gesagt hast, macht mich einfach nur wütend und traurig.
PS: Zu deiner Frage, ob ich gut gestartet bin: Kein Kommentar. Du wolltest mich loshaben, jetzt bist du es. Vorhin hat es dich nie interessiert wie es mir geht, jetzt muss es dich auch nicht interessieren. Also wag es ja nicht noch einmal danach zu fragen.

 

Stink wütend hämmerte ich den Zeigefinger auf „senden“. Ich schmiss mein Handy vom Bett und liess ein gequältes Schreien von mir. Tränen rinnen in Strömen über mein Gesicht und ich vergrub den Kopf im Kopfkissen.

Plötzlich klopfte es an der Tür und jemand fragte, ob alles okay sei. Es war eine Jungenstimme und sofort dachte ich wieder an Tyler. Trotz den verheulten Augen öffnete ich die Tür und tatsächlich stand Tyler da. Besorgt schaute er mir in die Augen:“ Was ist denn los? Also…ähm wenn du mit jemandem reden möchtest…ich stehe dir jeder Zeit bei.“

Ich zögerte kurz. Schliesslich kannte ich Tyler erst seit einem Tag, doch er gab mir ein vertrautes Gefühl und ich fühlte mich wohl, wenn er in meiner Nähe war.

„Naja…wie soll ich sagen…mir geht’s echt beschissen.“

Mit einem kurzen Lächeln, probierte ich zu verheimlichen, wie schlecht es mir wirklich ging. Ich wollte nicht, dass Tyler mich für eine Heulsuse oder so hielt. Mit einem Schritt zur Seite winkte ich ihn schliesslich in mein Zimmer. Eigentlich war es uns verboten, in ein Zimmer des anderen Geschlechts zu gehen. Tyler liess sich auf dem Bett nieder, welches ganz hinten am grossen Fenster stand.

„Na erzähl mal.“, forderte er mich auf und ich sass ebenfalls aufs Bett.

„Weisst du Tyler, das ist eine lange Geschichte. Ich habe ziemliche Probleme in der Schule und somit auch mit meinen Eltern. Wobei…hauptsächlich mit meinem Vater.“

Tyler nickte einfühlsam und hörte mir weiterhin aufmerksam zu.

„Er macht einfach täglich immer irgendwelche dummen Sprüche über mich, wie blöd ich doch bin und dass nie etwas aus mir werden wird, wenn ich in der Schule so weiter mache. Weisst du, das verletzt mich einfach so. Vorhin wollte er sich bei mir entschuldigen, doch ich kann seine Entschuldigung einfach nicht annehmen. Stattdessen habe ich ihm geschrieben, wie ich mich fühle.“

Schon wieder bemerkte ich eine über meine Wange kullernde Träne. Hastig wischte ich sie weg, bevor Tyler sie sehen konnte. Tyler schien nicht zu wissen, was er hätte sagen sollen. Da wurde die Stille zwischen uns auch schon von meinem Handyklingelton unterbrochen. Mein Blick haschte über das aufleuchtende Display. Eine neue Nachricht von meinem Vater.

„Schau was er geschrieben hat.“, bat mich Tyler. Mit zitternden Händen öffnete ich die Nachricht. 

 

Lorna, du übertreibst nun endgültig. Sei bloss froh, habe ich dir noch nie eine geknallt, obwohl ich schon mehrere Male nah dran war. Das ist einfach unterste Schublade Fräulein.

 

Tyler lenkte seinen Blick zu mir:“ Wenn du willst, kann ich dir helfen.“

„Wie willst du mir denn helfen? Das ist lieb, aber wie?“

„Ich weiss doch auch nicht so recht. Irgendetwas wird mir schon einfallen. Vielleicht könnte ich mich mal mit deinem Vater unterhalten.“

„Tyler, ich denke nicht, dass das so eine gute Idee ist. Mein Vater kann manchmal echt aggressiv werden.“

„Ich geh da ja auch nicht hin und konfrontiere ihn gerade damit. Ich kläre das auf ganz freundliche Weise. Vertrau mir.“

Ich nickte kurz:“ Ich überlege mir das noch. Du kennst meinen Vater nicht. Er kommt abends oft betrunken nach Hause und dreht so schnell wegen Kleinigkeiten durch.“

„Na gut. Sag mir einfach, wenn ich mit deinem Vater reden soll.“

Mir wurde warm ums Herz. Wie lieb dieser Junge einfach war. Plötzlich war es ganz still und ich schaute in seine rehbraunen Augen. Tyler rückte näher zu mir und legte seine Hand auf meine Schulter. Ich spürte wie seine Hand zu meinem Nacken wanderte. Nervös lächelte ich ihn an. Und da passierte es. Unsere Köpfe näherten sich ganz langsam und wir küssten uns. Ich kuschelte mich in seine Arme und wollte am liebsten nie mehr von ihm weg gehen.

 

Zwei Wochen später:
Ich lag auf meinem Bett und liess meinen Gedanken und Gefühlen wieder einmal freien Lauf. Auch wenn ich mittlerweile mit Tyler zusammen war und wir super glücklich miteinander waren, vermisste ich irgendwie mein zu Hause, meine Familie. Trotz allen Streitigkeiten würde ich sie gerne wieder sehen und das bald. Beim Frühstück in der Kantine berichtete ich Tyler davon:“ Weisst du, irgendwie vermisse ich meine Mam und meinen Bruder ziemlich. Ich würde sie gerne einmal besuchen gehen, aber ich getrau mich nicht so ganz wegen meinem Vater. Was meinst du sollte ich trotzdem mal nach Hause gehen?“

Tyler rührte in seinem Müsli und antwortete:“ Das musst du selber entscheiden. Ich denke sie freuen sich bestimmt, wenn du dich auch mal wieder meldest. Aber schlussendlich musst du das tun, was du für richtig hältst.“
Mit einem Nicken bestätigte ich seine Antwort.

„Lorna, wenn du willst, kann ich dich auch begleiten, wenn du nach Hause fährst.“

Ich schluckte den letzten Bissen meines Marmeladenbrotes runter.

„Ne besser nicht. Mein Vater ist total gegen einen festen Freund. Ich möchte nicht, dass er dir vielleicht noch etwas antut. Zuzutrauen wäre es ihm wirklich.“

„Was wenn wir einfach nach Hause gehen, wenn dein Vater nicht da ist oder wenn wir sagen, dass ich nur ein guter Kollege von dir bin?“

„Tyler, ich denke wirklich, dass es besser ist für dich, wenn du nicht mitkommst. Mein Vater kann so aggressiv werden.“

Tyler liess nicht nach und redete weiter auf mich ein:“ Aber du kannst doch bei deiner Mutter anrufen und fragen, wenn dein Vater nicht zu Hause ist.“

„Nein das geht nicht. Meine Mutter will doch auch, dass mein Vater nicht wiedersieht und sagt mir bestimmt nicht, wann er nicht da ist.“

„Ja dann sagen wir eben, dass ich dein bester Freund bin.“

„Tyler bitte, lass es! Mein Vater wird das so oder so rausbekommen, dass wir mehr als beste Freunde sind und dann…“

Ich traute mich nicht weiter zu sprechen.

„Du musst mich doch auch verstehen, Lorna. Ich möchte nicht, dass dir etwas zustösst. Wenn du ja sagst, dass dein Vater so aggressiv wird.“

Ich schüttelte den Kopf:“ Nein Tyler. Mir wird er nichts tun, denke ich. Aber dir, wenn er erfährt, dass wir ein Paar sind. Glaub mir, ich weiss wovon ich spreche. Aber wenn du meinst, dass du stärker als mein Vater bist, komm eben mit. Mach halt, was du willst, aber ich habe dich gewarnt.“

Ich stiess mich vom Tisch weg, nahm meinen Teller und stand auf. Ich drückte Tyler kurz einen Kuss auf die Wange und machte mich auf den Weg ins Klassenzimmer.

Am Abend sass ich auf meinem Bett und hörte Musik als plötzlich die Zimmertür geöffnet wurde und Tyler eintrat. Erschrocken sprang ich auf:“ Was machst du denn hier?“

Tyler grinste:“ Ich habe gefühlte 5000 Mal geklopft, aber du hast wohl nichts gehört.“

„Ich habe gerade Musik gehört. Schon klar, habe ich nichts gehört.“

Ich sass wieder hin und mir fiel ein, weshalb Tyler wohl hergekommen war.

„Ich gehe nächstes Wochenende nach Hause. Möchtest du jetzt unbedingt mitkommen oder findest du es jetzt vielleicht auch besser, wenn du hier bleibst?“

[Soll Tyler Lorna begleiten, wenn sie nach Hause geht, trotz ihres Vaters?]

-Ja, Tyler begleitet Lorna nach Hause

-Nein, Tyler begleitet Lorna nicht nach Hause