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Fortsetzung

Es waren gut zehn Jahre vergangen, seit ich die Schule beendet hatte. Mein Abschluss war mehr oder weniger akzeptabel, trotzdem zu schlecht für meine Eltern, um mich bei sich aufzunehmen. Doch das war nicht weiter ein Problem. In Parsley hatte ich eine Freundin fürs Leben gefunden, sie blieb an meiner Seite seit dem Tag, als sie sich in der Kantine neben mich gesetzt hatte. Viel hatte sich seither geändert. Wir waren nicht mehr die rebellischen Mädchen, die allen versuchten auf die Nerven zu gehen. Wir waren nicht mehr die, vor denen alle flüchteten, sobald sie uns über den Weg liefen und wir waren auch nicht mehr die, über die jeder flüsterte. Wir waren erwachsen geworden und hatten uns ein Leben aufgebaut. In einer niedlichen Wohnung in der Stadt sind wir gleich nach unserem Abschluss eingezogen. Seither arbeiteten wir gemeinsam in einem kleinen Café, was uns genügend Einkommen lieferte, für ein Leben zu zweit. Eines hatte sich nicht verändert. Wir waren immernoch die selben, unzertrennlichen Freundinnen und ich hoffte mehr als alles andere, dass sich das nie ändern würde. Auch wenn ich seit dem Internat nie wieder eine Beziehung hatte, dachte ich immer seltener an Tyler. Tyler war die Liebe meines Lebens und es tat noch immer weh, doch irgendwann verblendete man das, man versucht nach Vorne zu schauen und ich war mehr als bereit dazu, mit Parsley an meiner Seite.

 

Grinsend wischte ich einen der runden Tische ab, die im Café rumstanden, Parsley hatte den Kopf auf meine Schulter gelegt und stand hinter mir. Müde zeichnete sie Kreise auf meinen Rücken, ich kicherte leise. Manchmal wunderte es mich wirklich nicht, dass manche Leute die uns zum ersten mal sehen, denken wir wären ein Paar. Parsley und ich sahen uns dann immer an und brachen in Gelächter aus. Manchmal war einfach alles genau wie in unserer Schulzeit. Ich beendete die Arbeit und verräumte noch alles nötige, dann schnappte ich mir meine beste Freundin und schloss das Café. Wir stiegen ins Auto und fuhren nach Hause. Mir fiel auf, dass wir den Briefkasten noch nicht geleert hatten. Ich fuhr den Wagen in die Garage und schlurfte zum Briefkasten um die Post rauszuholen. Oben im Haus erwartete mich schon Parsley, die mich fragend ansah.

"Post",

murmelte ich bloss und begann die Briefe genauer anzuschauen. Einige Rechungen, tonnenweise Werbung, die diese Leuchten von Postboten trotz eines auffälligen "KEINE-WERBUNG" Schildes immer wieder freudig in unseren Briefkasten klatschen, und ein einzelner Brief. Ein Brief, der mein Herz stillstehen liess. Ich keuchte erschrocken auf.

"Das kann doch jetzt nicht wahr sein, dass die sowas durchziehen",

wisperte Parsley, die über meine Schulter hinweg mitgelesen hatte. Ich schluckte hart. In fein geschwungener Schrift stand gross auf der Karte, die sich in dem Umschlag befand: "Einladung zur Hochzeit, Tyler und Haley"

 

"Weisst du, vielleicht sollten wir hingehen",

sagte ich nachdenklich, als ich gemeinsam mit Parsley auf der Couch sass.

"Willst du dir das wirklich bieten lassen? Sie haben dich doch nur eingeladen um dich zu quälen und dich zu provozieren."

Parsley's Ton war besorgt. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, was sich bald in ein Grinsen verwandelte.

"Ich weiss Pars, genau deshalb möchte ich ja hin. Wir könnten die Hochzeit crashen."

Parsley sass kerzengerade auf und ihre Augen weiteten sich.

"Meinst du das ernst? Weil, ich will es wirklich tun und wenn du jetzt sagst, dass es ein Scherz ist, dann, dann hab ich mich für nichts gefreut und das -"

Ich unterbrach die ratternde junge Frau kichernd.

"Ich mein es ernst, lass es uns tun. Noch einen letzten grossen Auftritt, danach nie wieder."

"Noch ein letztes mal Teenager sein."

 

Wir machten uns bald darauf fertig fürs Bett und ich schlief mit einem guten Gefühl ein. Ich hatte nichtmal mehr das Gefühl, dass ich eifersüchtig war. Ich fand Tyler und Haleys Aktion lächerlich und wenn sie es so wollten, würde ich genauso lächerlich mitspielen. Doch ich war um Welten besser darin und das haben die beiden Turteltauben wohl vergessen, Zeit für eine kleine Erinnerung.

 

Wir sassen gemeinsam im Auto auf dem Weg zur Hochzeit. Parsley hatte ein Olivengrünes Kleid an, welches perfekt zu ihrer rötlichen Haarfarbe passte. Die schwarzen Riemchensandalen mit hohem Absatz liessen ihre Beine noch länger wirken und ich sie hatte eine lockere Hochsteckfrisur. Ich war mir sicher, dass sie die Aufmerksamkeit allein durch ihr Auftreten auf uns ziehen wird, was das ganze noch tausend mal amüsanter gestalten wird. Ich trug ein tiefrotes Ballkleid, die selben Schuhe wie Parsley, wir hatten sie gemeinsam im letzten Urlaub gekauft, meine langen Haare waren professionell zu einem wunderschönen Zopf geflochten und ich trug dezent Make-Up, welches auch auf das von Pasley abgestimmt war. Wir gaben ein echt gutes Bild ab und ich war stolz auf unsere Arbeit. Wir hatten echt viel Mühe da reingesteckt, denn unser Plan forderte die Blicke aller Gäste auf uns. Nach einer guten Stunde Fahrt kamen wir an einen grossen Parkplatz, der bereits mit zahlreichen Wagen besetzt war. Wir quetschten unseren in eine freie Parklücke und betraten den Kiesboden. Ein Fussweg führte über ein Feld zu einem kleinen See. Eine niedliche Kapelle stand in der Mitte des schönen Platzes und mehrere Buffets standen mit süssen und salzigen Speisen ausgestattet herum. Stehtische mit eleganten Tischtüchern und reizende Dekorationen aus Blumen waren überall zu sehen. Es war ein nahezu traumhaftes Bild und beinahe tat es mir leid, dass wir so eine wundervolle Hochzeit ruinieren würden. Aber eben leider nur beinahe. Parsley zog mich zum Eingang der Kapelle, doch ich hatte anderen vor. Ich nickte in Richtung der Buffets und sie grinste.

 

"Hat dich die lange Fahrt auch so schrecklich hungrig gemacht, Pars?"

Mit einem süffisanten Lächeln erwiderte meine beste Freundin:

"Durchaus, durchaus. Welch Glüch, dass hier zufälligerweise ein Buffet bereitsteht!"

Ich musste lachen über die geschwollene Art, wie Parsley ihre Stimme stellte.

"Gut erkannt, lass uns doch gleich zuschlagen!"

Wir näherten uns dem Buffet und nahmen uns etwas von den verschiedenen Schalen und Tellern. Wir wussten, dass wir schon zu spät waren, doch genau darauf beruhte unser Plan. Wir würden von Anfang an auffallen.

 

Das glamouröse Doppeltor der Kapelle wurde aufgerissen, erschrockenes Raunen ging durch den Saal. Irritierte Blicke folgten, als Parsley und ich mit leisen und eleganten Schritten durch die Mitte der Kapelle schritten. Das Brautpaar stand schon am Altar, hatte sich gerade noch bei den Händen gehalten, doch jetzt starrten sie fassungslos zu uns hinunter. Mit teuflischen Lächeln auf den Gesichtern setzten wir unseren Weg fort. Dreist hopsten wir die Stufen zum Altar hinauf und in den Ausdrücken von Tyler und Haley lag jetzt pure Panik und schäumende Wut. Ziemlich lustig mitanzusehen, war aber nicht unser Hauptziel. Wir machten unbeirrt weiter. Parsley erreichte den Altar und lehnte sich zu dem kleinen Mikrofon, welches darauf stand. Ich stellte mich daneben.

 

"Liebste Gäste, wir bitten um eure Aufmerksamkeit!"

Ihre Stimme schallte durch die Kapelle voller verwirrter Leute. Haley wollte sie unterbrechen, doch Parsley liess sich davon nicht stören.

"Wir haben einen langen Weg auf uns genommen um euch einige wichtige Worte zu sagen. Im Namen des heutigen Traupaares, Bühne frei für Lorna Frost!"

Sie klatschte begeistert und ich grinste über das dramatische Auftreten meiner besten Freundin.

"Wie Parsley schon eben sagte",

setzte ich ihre Rede fort,

"haben wir etwas wichtiges mitzuteilen. Nämlich, dass das verehrte Paar hier oben nichts weiter als provokativ, kindisch und lächerlich ist!"

Ich überging das entsetzte Keuchen des Auditoriums und blickte zu Tyler und Haley, denen vor Schock der Mund offen stand.

"Mund zu, sonst kommen Fliegen rein",

flötete ich ihnen entgegen.

"Wie dem auch sei, wir haben noch etwas viel wichtigeres zu erledigen!"

 

Ich sprang mit Haley von der erhöhten Plattform und wir rannten beinahe den verdatterten Priester über den Haufen. Wir stiessen galant das Brautpaar aus dem Weg und stellten uns vor den Augen aller Gäste in die Mitte.

 

"Parsley Ross, meine beste Freundin! Schwörst du mir hiermit ewige Treue bis ans Ende aller Tage?"

Ich brüllte die Worte, dass sie von allen verstanden werden konnten.

"Ja, das schwöre ich!",

rief sie feierlich, bevor sie fortfuhr:

"Lorna Frost, meine ebenfalls beste Freundin! Schwörst du mir im Gegenzug bis zum Ende an meiner Seite zu bleiben?"

Ich lächelte.

"Ja, das schwöre ich!"

"Dann erkläre ich uns hiermit zu beste Freundin und beste Freundin! Wir dürfen uns jetzt aus dem Staub machen!"

 

Mit wildem Gelächter griffen wir in unsere Handtaschen. Mit Schwung warfen wir eine Unmenge an Rosenblätter, die wir vorbereitet haben, über unsere Köpfe. Zu unserer Überraschung klatschte das Publikum und Gelächter war aus den Bänken zu hören. Wir verneigten uns, bevor wir Hand in Hand durch die Kapelle sprinteten. Mit einem lauten Knall jagten wir das Tor zu und schnitten das Gebrüll von Tyler und Haley ab. Wir machten, dass wir zu unserem Auto kamen und stiegen lachend ein.

 

"Weisst du, was gefehlt hat?",

fragte Parsley mich. Ich schüttelte, noch immer überwältigt vom Erfolg unserer Aktion, den Kopf.

"Die Ringe!"

 

Wir sahen uns in die Augen und brachen erneut in Gelächter aus. Und damit starteten wir das Auto und traten den Heimweg an. Leise dröhnte Musik aus der Anlage, die sich mit unserem Gerede vermischte. Vereinzelte Lacher ertönten immer mal wieder und die Stimmung war absolut klasse.

Wahrscheinlich würden wir niemals erwachsen werden, doch eigentlich war das genau richtig so.

 

Ende